Mercedes 200 D W 115 oder /8 (28.2.1988 - 9.9.1989)

Während des Zivildienstes habe ich eine kleine alte Frau kennengelernt, die mit seltsam verbogenen Extremitäten (wie die Krankheit hieß, weiß ich nicht mehr) auf Rollstuhl und Behindertenfahrdienst angewiesen war. Sie hatte sich aber in den Kopf gesetzt, noch einmal Dresden zu besuchen, wo sie das Kriegsende erlebt hatte, und sprach noch Jahre später davon, wobei ihr vorschwebte, ich könne sie in einem Mietwagen dorthin fahren. Uns war klar, daß dafür eine Reise gebucht werden mußte.

Vom Mietwagen habe ich ihr abgeraten. Ich hielt es für wirtschaftlicher, einen Wagen kurz vor der Hauptuntersuchung zu erwerben, der diese nicht mehr bestehen würde. Zufällig sprach an der Schule, an der ich Anfang 1988 Referendar war, ein Lehrer davon, daß er seinen 200 D loswerden wolle, und so kam ich für 300 DM, die sie bezahlte, zu einem Mercedes.

Der Mercedes am Tag des Kaufs

Wie man hier sieht, war der Wagen ursprünglich hell (und zwar hellblau), aber dann mattrot (Rostschutz, Grundierung ?) lackiert worden. Die Sitze hatten unterschiedliche Farben. Einziger Luxus war die Anhängekupplung (die ich nie benötigte) und eventuell der Stern. Dafür war die Heckscheibe aber nicht beheizt. Das war 1972, im Baujahr des Wagens, noch nicht üblich. Dafür hatte er aber die alten Ausstattung (Hupenring, Ausstellfensterchen, schmaler Grill, Zierleisten und Nummernschild unter der Stoßstange) Egal er fuhr recht ordentlich, wurde flugs angemeldet und dem DDR-Reisebüro das Kennzeichen mitgeteilt. Einen zweiten Außenspiegel (von einem Opel Kadett) holte ich noch vom Schrottplatz. Leider wäre einer an der Beifahrertür viel teurer gewesen, aber ein Spiegel auf dem Kotflügel war nicht unüblich für alte 200 D. Die Baureihe hieß übrigens W 115, und wurde auch /8 genannt.

Mit dem 200 D 1988 in der DDR

Die Reise (übrigens mit Aufenthaltsgenehmigung nur für den Bezirk Dresden, nicht für die ganze DDR) hat er auch gut überstanden, nur ist in Dresden dank des erschütternden Straßenzustands der Schlauch am Kühler mit dem Stutzen (oder wie nennt man das?) abgegangen und mußte gelötet werden. Erst mal habe ich in einem kleinen Behälter bei der Volkspolizei Wasser geholt und den Kühler wieder gefüllt, dann Tücher in die nicht mehr zu verbindenen Öffnungen gestopft und auf das Abkühlen des Motors gewartet. Der VEB Autoreparatur war erst nicht zu erreichen, dann sollten lange Dienstwege eingehalten werden. Meine Auftraggeberin hatte aber im Auto wartend schon die Adresse eines Handwerkers ermittelt, der sowas reparieren konnte. Das hat er auch für 50 DM und etwas Schokolade und Kaffee aus dem NSW (nichtsozialistischem Wirtschaftsgebiet) gemacht. Bei ihm entstand dieses Foto:

Neu aufgelöteter Stutzen (oder wie das heißt)

Die reparierte Stelle hat mir nie wieder Probleme bereitet. Im Interhotel haben wir später dieses Erlebnis (einschließlich "erschütternder" Straßenverhältnisse) im Gästebuch verewigt.

Den Wagen TÜV-fertig machen

Wieder zurück erzählte ich einem Freund aus Zivildienstzeiten davon. Er hatte auch schon einen W115 besessen und konnte schweißen und meinte, man müsse den Wagen noch durch den TÜV bringen können. Da ich gerade auch nichts wichtiges zu tun hatte - ich hatte Ferien - haben wir bzw. hauptsächlich er es versucht. Daher stammen diese Fotos:


Rostlöcher im Fußraum


neues Blech über alten Löchern


Günter bei der Arbeit

Außerdem habe ich noch neuere Sitze vom Schrottplatz besorgt. Alle zueinander passend (blau) und in besserem Zustand als die bisherigen (400 DM).

Günter hat natürlich seinen Aufwand bezahlt bekommen. Außerdem habe ich damals einen weiteren gebrauchten 200 D gekauft (ebenfalls 300 DM) und ihm geschenkt. Er hat auch den repariert und damit in Italien Urlaub gemacht. Einen weiteren schon abgemeldeten 200 D mit vier Kopfstützen und Servolenkung habe ich erworben, weil ich ihn ausschlachten wollte. Aber sowohl das als auch, ihn durch die Hauptuntersuchung zu bringen, erwies sich als zu zeitaufwendig. Immerhin konnte ich ihn ohne Verlust wieder verkaufen.

Mit meinem 200 D habe ich die 2 Jahre bis zur nächsten Hauptuntersuchung nicht geschafft. Ich bin überwiegend privat damit unterwegs gewesen (zur Arbeit benutzte ich die Bahn) und hatte durchaus meine Freude daran:

das war schon toll. In Krefeld kaufte ich auf dem Schrottplatz eine heizbare Heckscheibe, die ein Freund einbaute und verkabelte. Damit war fast alles perfekt, nur die Farbe noch nicht.

Die neue Farbe

Meine Lieblingsfarbe ist orange. Ich hatte schon eine Schreibmaschine und ein Telefon in orange angestrichen und habe deshalb in den Sommerferien 1989 auch für den Mercedes einen Topf Orange (RAL 2000) gekauft. Damit das ordentlich aussah, mußte mit dem Winkelschleifer und mit Spachtelmasse noch einiges geglättet werden, hier einige Fotos:

Erst kam der Winkelschleifer zum Einsatz,

dann Spachtelmasse. Hier sieht man auch den rechten Außenspiegel auf dem Kotflügel.

und das war das Ergebnis:

von der linken Seite (der Kofferraum war voll, daher so tief)

der volle Kofferraum
(Das paßte wirklich alles rein und man konnte noch ein Rad wechseln,
weil das Reserverad rechts seitlich im Kofferraum stand!)

Kurz danach mußte ich noch einen neuen Deckel für den Motor einbauen, weil der Öl verlor:

geöffneter Motor, die Schläuche waren auch mal erneuert worden.
Hier sieht man auch den verchromten Lufteinlaß, den ich vom Schrottplatz besorgte.

Am 9. September 1989, genau 13 Jahre nach Bestehen der Führerscheinprüfung, bin ich mit dem Wagen von Düren nach Aachen gefahren, aber weil so ein schöner Herbsttag war über die Eifel statt über die Autobahn. In Schmitt habe ich ihn fotografiert:

mein Mercedes auf einem Parkplatz bei Schmitt

Bis Aachen Kornelimünster bin ich noch gekommen, dann konnte der Motor nicht mehr. Wie sich später herausstellte, war ein Zylinder voll Öl. Ich bin mit dem Bus nach Hause gefahren. Mein Vater hat mich bald abgeholt, dann haben wir den Benz nach Aachen Forst geschleppt und bergab geparkt. Da habe ich die letzten Fotos geschossen:

Hier ist gut ein zweiter Innenspiegel zu erkennen, der auch Beifahrern Rücksicht ermöglichen sollte.

Am nächsten Montag habe ich den Wagen bergab zu einer nahe gelegenen Werkstatt rollen lassen. Dort war er schon mal repariert worden. Nun bot man mir einen gebrauchten Motor für 1000 DM (inklusive Einbau) an. Ich hatte aber unterdessen schon den Nachfolger und verkaufte schweren Herzens den W115 für 100 DM unter der Bedingung, die noch neuen Reifen behalten zu dürfen.

Fazit

Der Durchschnittsverbrauch betrug 8,00 l/100 km.

Mit knapp 2000 DM für Kauf und nötige Instandsetzung - 100 DM beim Verkauf war der Wagen ausgesprochen günstig, obwohl ich nur 45000 km damit gefahren bin. Und er war eine freudige Erfahrung. Das kann ich vom Nachfogler nicht behaupten.

Weitere Informationen

Autofarben sind so eintönig wie nie zuvor
Über die Hälfte entscheiden sich für Silber oder Blau
(Berliner Zeitung vom 28.6.2000)

Sternschuppen

Strich Achter Olddaimler

 

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